Ausgabe 0204
Frauen
im österreichischen Schießsport

Warum nutzt der österreichische Schießsport die Talente seiner Frauen nicht besser? Diese Frage drängt sich auf, wenn man die Titelseite im Zusammenhang mit dem Namensverzeichnis der Führungsorgane des Österreichischen Schützenbundes betrachtet.

Die Titelseite zeigt uns das ehemalige Aushängeschild des heimischen Armbrustsports Lotte Marschnig als Künstlerin, deren bevorzugte Betätigungsfelder die Ikonen- und die Hinterglasmalerei, aber auch das Klöppeln und das Krippenbauen sind. Schafft die Präsidentin des ABSV St. Veit an der Glan heute Kunstwerke in höchster Vollendung, so waren es in den achtziger Jahren ihre schießsportlichen Leistungen, die sie weit über Österreich hinaus bekannt gemacht haben. Und hier vor allem die Armbrusterfolge mit WM-Silber, EM-Bronze und Europarekord, um nur die herausragendsten zu nennen.

Im vergangenen Jahr feierte die seit 40 Jahren mit dem ehemaligen Bundessportleiter Karl Marschnig verheiratete St. Veiter Bezirksoberschützenmeisterin ihren Sechziger: bescheiden und unauffällig, wie es ihrem Wesen entspricht. Wenn das kleine Altersjubiläum in der Schießsportöffentlichkeit unbemerkt geblieben ist, haben sich die Kärntner Medien umso mehr der großen Sportlerpersönlichkeit Lotte Marschnig erinnert.

Schon etwas länger im schießsportlichen Alter der Seniorinnen II bewegt sich die Kufsteiner Bezirkssportleiterin für das Armbrustschießen Gertrude „Gerti“ Bacher. Auch sie sehen wir auf der Titelseite als Malerin, deren Techniken von der Aquarell- über die Ölbild- bis hin zur Seidenmalerei reichen. Im Gegensatz zu Lotte Marschnig hat sie aber ihre Sportgeräte noch nicht in den Waffenschrank gestellt, sondern mischt in der Klasse der jüngeren Seniorinnen I bis hinauf zu den Österreichischen Meisterschaften noch kräftig mit.

Bei beiden Frauen haben neben ihren schießsportlichen Kenntnissen vor allem die Persönlichkeit und das Organisationstalent zur Betrauung mit Funktionen auf Bezirksebene geführt. Wie auch bei zahlreichen anderen, denen vereinzelt sogar der Sprung in die zweite oder dritte Reihe einer Landesfunktion geglückt ist. – Nur in den obersten Etagen des österreichischen Schießsports findet man, wenn man von der vorderhand mehr für Vollzugsaufgaben gedachten Funktion der Generalsekretärin absieht, noch keine Frauen.

Nicht nur, dass hier ein Funktionärspotential brachliegt, fehlt es an gezielter Frauenarbeit, wie wir sie zum Beispiel in Deutschland oder (siehe Seite 23) im bevölkerungsmäßig gleich großen Bayern vorfinden, bislang überhaupt. Schade, denn zu Beginn des vorigen Jahres konnte man sich zumindest Hoffnungen machen, als der Bundesoberschützenmeister bei der Staatsmeisterschaft in Bregenz mitteilen konnte, dass vom Sportministerium neben der finanziellen Förderung der Jugendarbeit auch Geld für die Frauenförderung in Aussicht gestellt worden sei.

heb